Corona ändert Store-Konzepte langfristig

Wie wir morgen handeln:
Sylke Radwan © Radwan Marketing

Sylke Radwan ist Inhaberin der Marketing-Beratung Radwan Marketing. Sie gründete ihre Consulting-Agentur mit den Schwerpunkten Marketingberatung und Projektmanagement im Jahr 2011. Ihre ganzheitliche Erfahrung im strategischen als auch im operativen internationalen Marketing fließt bei jedem Projekt ein. Dabei greift sie auf einen breiten Erfahrungsschatz der Markenführung und Markenpositionierung zurück – sowohl im B2B als auch im B2C Geschäft, für kleine Unternehmen, Mittelständler und Konzerne. Sie lebt für die Steigerung von Markensympathiewerten, Markenneuentwicklungen und Markeninszenierungen an allen Touchpoints. Im Rahmen unseres Interviews haben wir Sylke Radwan um ihre Einschätzungen zur Auswirkung von Covid-19 auf das Einkaufsverhalten – jetzt und in Zukunft – gebeten.

Cyrano: Frau Radwan, werden Sie und Ihre Familie nach der Corona-Akutphase anders einkaufen als vorher? Und wenn ja: Was genau werden Sie verändern?

Sylke Radwan: Generell kaufe ich sowohl im stationären Handel als auch online ein, je nach Warenverfügbarkeit. Online dann allerdings eher Konsumgüter wie Kleidung, Schuhe, Elektronik etc. Der Online Einkauf von Lebensmitteln beschränkt sich bei mir auf Produkte, die es im klassischen LEH nicht gibt. Während der Corona-Akutphase musste ich zum Teil bei Grundnahrungsmitteln auf den Online Einkauf ausweichen, da die Waren im LEH über einen längeren Zeitraum nicht mehr verfügbar waren. Mein Ziel ist es, nach der Krise den stationären Handel und die regionalen Geschäfte zu unterstützen und dort zu kaufen. So kann jeder etwas dazu beitragen, die wirtschaftlichen Einbußen zu mildern.

Wie verändert Corona Ihrer Meinung nach Ziele und Bedürfnisse der Kunden insgesamt?

Aktuelle Umfragen zeigen, dass das Konsumverhalten der Kunden sich auch online stark verändert hat und deutlich rückläufig ist. Der E-Commerce hat starke Umsatzeinbußen. In einer Krise wie der Corona-Pandemie streben die Menschen nach Sicherheit – sowohl wirtschaftlich als auch gesundheitlich. Das zeigte sich in der Akutphase auch mit dem Drang nach Vorratshaltung. Leere Regale im LEH waren für viele unvorstellbar und damit offenbarte sich ein für uns ungewohntes Bild im Handel. Jetzt, bedingt durch Corona geht es vielmehr darum, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen und die Gesundheit zu erhalten. Corona beeinträchtigt die Konsumstimmung der Kunden, sie konzentrieren sich auf das Wesentliche.

Nehmen Sie an, dass spezielle Einkaufstypen oder Menschen in bestimmten Altersklassen sich besonders stark von der Krise beeinflussen lassen?

Ich denke, dass gerade die Generation, die in der Geschichte schon einmal große Entbehrungen hatte, davon sehr stark beeinflusst wird und sich nur an den Grundbedürfnissen orientiert und stark nach Sicherheit strebt.

Was wird sich dadurch voraussichtlich für den deutschen LEH verändern?

Normalerweise sind die Produkte für den täglichen Bedarf im stationären LEH adhoc verfügbar. Anders in der akuten Corona Phase, wo der Kunde oft vor leeren Regalen stand und stattdessen den Online Handel nutzte. Das könnte dazu führen, dass auch zukünftig mehr Lebensmittel online gekauft werden und es hier eine Verschiebung gibt. Gerade auch bei den Kundengruppen, die durch Corona erstmalig den Online Einkauf für sich entdeckt und positive Erfahrungen damit gemacht haben. Auch Kundengruppen, die nach wie vor Menschmengen oder Zusammentreffen mit Fremden meiden, nutzen den Online Shop und bleiben eventuell auch zukünftig dabei.

Ein weiterer Punkt, der sich in der Zukunft verändern muss und wird, ist das Thema Hygiene. Hier wird es zukünftig besondere Maßnahmen für die Präsentation und den Verkauf von Frische-Produkten geben. Auch die Instore-Backstationen werden sich verändern müssen.

Seit ein paar Jahren setzt der LEH in seinen Store Konzepten auf den „Erlebnis-Einkauf“, der Veränderung der Bedürfnisse der Käufer folgend. So war für die Jahre 2020ff eine Entwicklung des LEH vom „Supermarkt“ zum „super Markt“ vorausgesagt. Damit kann der LEH gegenüber dem Online Handel punkten und sollte sich dahingehend weiterentwickeln. Das gesamte Store-Konzept und der Ladenaufbau werden sich mit verändern müssen – hier denke ich an großzügige Regalabstände und eben auch an eine veränderte Präsentation der Frischetheke.

Wenn Sie eine Prognose wagen müssten: Wer hat die besten Voraussetzungen, um sich in der Post-Corona-Phase im Wettbewerb hierzulande zu behaupten – Discounter, Supermärkte oder Warenhäuser?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es wird sich der behaupten, der am besten die Bedürfnisse der Konsumenten befriedigt – in jeglicher Hinsicht. Dazu gehört die Versorgung der Grundbedürfnisse, die Sicherheits- und Hygienebedürfnisse, der wirtschaftliche Faktor und nicht zuletzt der Erlebnisfaktor, der sicherlich nach ein paar Monaten Abstand wieder eine Rolle spielen wird.

Die Ausbreitung des Corona-Virus nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auf der ganzen Welt stellt die Gesellschaft und die Wirtschaft vor eine neue Herausforderung. Wir haben die Gelegenheit genutzt und mit einigen unserer Partner kurze Interviews zu aktuellen und zukünftigen Entwicklungen aufgrund der Coronakrise geführt.

Mehr Interviews aus unserer Interviewreihe zu den Auswirkungen der Corona-Krise: Werner Schickmayr darüber, welche Rolle der e-Commerce im LEH künftig spielen wird.