E-Commerce bei Supermärkten etabliert sich durch die Krise

Wie wir morgen handeln:
Werner Schickmayr © Unimarkt Gruppe
Werner Schickmayr © Unimarkt Gruppe

Werner Schickmayr ist Bereichsleiter Marketing der Unimarkt Gruppe. Die Unimarkt Gruppe betreibt in Österreich in sechs Bundesländern ingesamt 131 Geschäfte, aufgeteilt in Filialen und Franchise-Partner. Dabei legt das Unternehmen starken Fokus auf Regionalität und arbeitet deswegen mit vielen Bäckern, Fleisch- und Wurstproduzenten sowie kleinen bäuerlichen Betrieben zusammen. In unserem Interview spricht Werner Schickmayr mit uns unter anderem darüber, wie sich Covid-19 auf das Leben und sein Einkaufsverhalten und das der Österreicher aktuell, und auch in Zukunft, auswirkt.

Cyrano: Werden Sie und Ihre Familie nach der Corona-Akutphase anders einkaufen als vorher? Und wenn ja: Was genau werden Sie verändern?

Werner Schickmayr: Mein Einkaufsverhalten ist in dieser Phase auf jeden Fall ein anderes und das wird auch nach der Krise anhalten. In meinem Haushalt leben drei Personen; wir als Familie kaufen derzeit viel geplanter ein. Wir schreiben uns eine Liste und gehen ein bis zweimal die Woche einkaufen, um das Risiko zu minimieren. Auch in meinem Bekanntenkreis ist zu beobachten, dass Märkte nur betreten werden, wenn es wirklich notwendig ist. Ich denke, wir werden auch nach Corona geplanter einkaufen und diese positive Veränderung beibehalten, denn diese Methode ist viel stressfreier. Man überlegt sich im Vorfeld, was man die nächsten Tage essen möchte und kauft das.

Und wie verändert Corona Ziele und Bedürfnisse der Kunden insgesamt?

Bei vielen Kunden ist es bisher so gewesen, dass sie bei jeder Fahrt mit dem Auto an drei, vier Lebensmittelmärkten vorbeikommen und dann halt genau das einkaufen, was sie gerade brauchen – mehrmals in der Woche. Man überlegt sich jeden Tag aufs Neue, was man denn so essen möchte, setzt sich ins Auto und ist in ein paar Minuten am Supermarkt. Durch Corona hat sich das verringert. Das erinnert in gewisser Weise an eine Zeit vor der großen Mobilität, als die Menschen geplanter einkaufen mussten. Diese Veränderung des Einkaufsverhaltens ist primär durch Corona bedingt.

Nehmen Sie an, dass spezielle Einkaufstypen oder Menschen in bestimmten Altersklassen sich besonders stark von der Krise beeinflussen lassen?

Gerade ältere Personen, die der Risikogruppe angehören, lassen sich besonders wenig von der Krise beeinflussen. Sie passen ihr Einkaufsverhalten teils gar nicht an die Situation an und gehen genauso wie zuvor täglich in den Markt, um andere Menschen zu treffen und jemandem zum Sprechen zu haben. Besonders Familien, die mitten im Leben stehen, haben sehr schnell verstanden, dass die Situation ernst ist und dass das Einkaufsverhalten geändert werden muss – in dieser Personengruppe natürlich auch mit den wenigsten sozialen Einschränkungen. Die jüngeren Altersklassen sind meiner Erfahrung nach Gruppen, die sich eher weniger an die neue Situation anpassen. Ob sie sich der Krise nicht so bewusst sind oder sie sich in Sicherheit wiegen, da sie keine Risikogruppe sind – das spielt wohl beides mit hinein.

Was wird sich dadurch voraussichtlich für den österreichischen LEH verändern? Werden grundlegend neue Herausforderungen entstehen?

Die neue, organsiertere Art einzukaufen ist für den Händler per se erstmal etwas Schlechtes. Denn gerade im Impulsbereich werden so deutlich weniger Käufe getätigt. Doch die Frage, wie nachhaltig das Einkaufsverhalten der Menschen sich ändert, ist eng an die zeitliche Dauer der Krise geknüpft. Wenn die Krise noch Monate anhält, könnte sich das Einkaufsverhalten wirklich nachhaltig an die neue Situation und darüber hinaus anpassen. Zudem denke ich, dass der LEH gerade im E-Commerce Bereich einen deutlichen Zuwachs erhalten wird. Derzeit sehen wir, dass die eingehenden Anfragen kaum mehr abzuarbeiten sind. Basierend auf dieser Beobachtung gehe ich davon aus, dass auch künftig mehr Menschen den Lieferservice nutzen werden, da sie jetzt während der Krise gesehen haben, wie praktisch und bequem das ist. Was es für konkrete Auswirkungen auf uns als Händler haben wird, kann man noch nicht genau sagen. Wir beobachten jetzt gezielt etwa die Beschaffungsmärkte. Wir sind zwangsweise darauf gestoßen worden, dass wir doch von anderen Ländern teilweise sehr stark abhängig sind. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Regionalität noch viel stärker in den Fokus rückt als sowieso schon. Die Versorgung im eigenen Land war zwar vorher schon bemerkbar, wird aber jetzt nochmal einen Aufschwung erhalten. Hier wird es in puncto Produzenten und Lieferanten auf jeden Fall Veränderungen geben.

Gibt es aktuell den LEH intensiv bestimmende Megatrends, auf die die Corona-Krise Ihrer Meinung nach besonders große Auswirkungen haben wird?

Wie bereits erwähnt, wird ein Trend sehr stark in Richtung Regionalität, wenn nicht sogar Lokalität gehen. Versorgungssicherheit ist vor allem in Krisenzeiten einer der wichtigsten Aspekte – sowohl für den Händler als auch für den Endkunden. Mit mittelgroßen Produzenten und Lieferanten aus der Region unterstütze ich nicht nur die Wirtschaft und Wertschöpfung vor Ort, ich sichere mir in Zeiten von geschlossenen Grenzen und Lieferengpässen auch eine Aufrechterhaltung der Versorgung zu. Darüber hinaus ist derzeit ein gewisser Trend in Richtung SB-Ware zu beobachten. Für die Frische-Theke war die Krise keine große Hilfe, denn viele Kunden führt der Weg nun zur SB-Theke, wo es abgepackte, vermeintlich hygienischere Fleisch- und Wurstwaren gibt. Zudem müssen Kunden sich hier nicht anstellen und haben keinen zusätzlichen Kontakt mit dem Verkaufspersonal, womit sich viele Kunden sicherer in der jetzigen Situation fühlen. Obwohl die Debatte rund um Nachhaltigkeit und Verpackungsmüll vor der Krise sehr präsent war, wurde sie durch die Corona-Krise ein Stück weit zurückgedrängt. Ich bin mir dennoch sicher, dass das Thema nach der Krise wieder aufgegriffen wird und Nachhaltigkeit wieder Thema wird.

Wenn Sie eine Prognose wagen müssten: Wer hat die besten Voraussetzungen, um sich in der Post-Corona-Phase im Wettbewerb hierzulande zu behaupten – Discounter, Supermärkte oder Warenhäuser?

Meiner Meinung nach ist das der klassische Supermarkt, weil er vor allem in der Kundenansprache am besten aufgestellt ist. Der Supermarkt hat das beste Package für die Zukunft, hier habe ich als Kunden den besten Querschnitt. Der Supermarkt bietet dem Kunden die ganze Palette von Preiseinstieg bis Premium und ich als Kunde habe dabei auch noch ein tolles Einkaufserlebnis. (Man muss dazu sagen, dass in Österreich kaum noch die Unterscheidung getroffen wird zwischen Supermarkt und Discounter – die Grenzen verschwimmen hier sehr stark.)

Die Ausbreitung des Corona-Virus nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auf der ganzen Welt stellt die Gesellschaft und die Wirtschaft vor eine neue Herausforderung. Wir haben die Gelegenheit genutzt und mit einigen unserer Partner kurze Interviews zu aktuellen und zukünftigen Entwicklungen aufgrund der Coronakrise geführt.

Mehr Interviews aus unserer Interviewreihe zu den Auswirkungen der Corona-Krise: Christian Oppitz darüber, wie Discouter profitieren können!